Legacy-Content sauber durch den Relaunch bringen
Beim Relaunch entsteht früh die Frage, was mit alten Inhalten passiert. Oft fällt die Entscheidung in der Hektik aus zwei Richtungen: alles übernehmen, weil es schon einmal geschrieben wurde. Oder grosszügig löschen, weil das Neue schöner sein soll. Beide Wege sind selten richtig.
Legacy-Content ist nicht automatisch Ballast und auch nicht automatisch Vermögen. Er ist ein Bestand, der eine ruhige, ehrliche Bewertung braucht.
Was Legacy-Content eigentlich ist
Legacy-Content meint hier alle Inhalte, die zum Zeitpunkt des Relaunches existieren: Seiten, Blogartikel, PDFs, Pressemitteilungen, Glossare, alte Landingpages, vergessene Kampagnenseiten. Manche davon sind redaktionell wertvoll, andere historisch begründet, wieder andere reine Karteileichen.
In der Praxis ist die Bestandslage oft unklarer, als das Team annimmt. Sitemap, Analytics-Export und CMS-Inventar zeigen schnell, dass eine Seite mehr Inhalte führt, als im Tagesgeschäft präsent ist.
Bewerten statt blind migrieren
Eine ehrliche Bewertung beginnt mit drei Fragen pro Inhalt: Bringt diese Seite messbar Traffic oder Anfragen? Erfüllt sie eine inhaltliche Funktion, die heute noch passt? Würden wir sie heute neu schreiben, wenn sie nicht existieren würde?
Wenn alle drei Antworten klar negativ sind, ist die Seite kein Migrationsfall. Wenn eine Antwort klar positiv ist, lohnt sich der genauere Blick. Diese Bewertung ist keine Tabellenpflicht, sondern eine Haltung. Sie verhindert, dass alter Inhalt nur deshalb übernommen wird, weil ihn jemand einmal geschrieben hat.
Vier typische Wege für alten Content
In den meisten Relaunches reichen vier saubere Optionen pro Inhalt.
- übernehmen, weil Inhalt und Form weiterhin tragen
- überarbeiten, weil das Thema aktuell ist, die Umsetzung aber nicht
- verdichten, indem mehrere alte Seiten zu einer stärkeren neuen werden
- verabschieden, mit oder ohne Redirect auf einen passenden Nachfolger
Wer diese vier Wege diszipliniert anwendet, vermeidet sowohl überfrachtete neue Seiten als auch Sichtbarkeitsverluste durch leichtfertiges Löschen.
Verdichten ist oft der unterschätzte Hebel
Viele Unternehmenswebsites haben über Jahre Inhalte zu denselben Themen produziert, ohne sie redaktionell zu bündeln. Drei kurze Beiträge zur selben Frage konkurrieren dann untereinander, statt gemeinsam zu wirken.
Beim Relaunch ist genau hier der grösste Hebel. Eine starke, gut gepflegte Seite zu einem Thema steht für Suche und Leser besser da als drei mittelmässige. Verdichten ist nicht das Gleiche wie Löschen. Es ist die Entscheidung, dasselbe Wissen klarer zu organisieren.
Wer das Thema vertiefen will, findet im Artikel zur Content-Migration beim Relaunch eine ruhige Einordnung der typischen Entscheidungen.
Verabschieden gehört zur Strategie
Inhalte zu verabschieden klingt nach Verlust, ist aber oft die ehrlichste Entscheidung. Veraltete Pressemitteilungen, abgelaufene Aktionen, dünne Themenseiten ohne Nachfrage: nichts davon stärkt eine moderne Website.
Wichtig ist, das Verabschieden technisch sauber zu machen. Wo eine Seite Traffic oder Backlinks hat, gehört sie auf eine inhaltlich passende Nachfolgeseite weitergeleitet. Wo nichts Vergleichbares existiert, ist ein 410 statt 404 oft das ehrlichere Signal an Suchmaschinen.
Pflege denken, nicht nur Migration
Ein Relaunch ist kein Endzustand. Was nach dem Wechsel an Inhalten weiterläuft, muss pflegbar bleiben. Eine grosse Zahl mittelmässiger Seiten ist auch im neuen System weiterhin eine grosse Zahl mittelmässiger Seiten.
In einem git-basierten Setup mit ignis CMS und einer modernen Next.js-Architektur lässt sich Inhaltsstruktur sauber abbilden. Der Vorteil ist nicht die Technik allein, sondern die Möglichkeit, Inhalte als pflegbare Daten zu denken statt als gewachsene Sammlung von WYSIWYG-Seiten.
Stolperfallen, die immer wieder auftauchen
Ein paar Muster fallen in fast jedem Relaunch auf.
Inhalte werden migriert, weil niemand entscheiden mag. Alte Bilder kommen mit, obwohl die Marke einen anderen Stil hat. Slugs werden ohne Plan geändert und dann werden Redirects vergessen. PDFs liegen weiter im Mediaordner, ohne dass sie noch relevant sind.
Diese Punkte sind selten technisch, sondern redaktionell. Sie lassen sich nur lösen, wenn der Relaunch Inhaltsführung als eigene Disziplin behandelt, nicht als Anhang ans Design.
Pragmatische Empfehlung
Wer Legacy-Content beim Relaunch ernst nimmt, gewinnt zweimal. Einmal kurzfristig, weil die neue Seite klarer und stärker startet. Und einmal langfristig, weil ein verdichteter Bestand sich besser pflegen lässt als ein gewachsener.
Es lohnt sich, früh im Projekt einen ruhigen Tag für Bestandsbewertung einzuplanen. Diese Stunden zahlen sich später deutlich aus, weil Entscheidungen auf einem Bestand basieren, den jemand wirklich angesehen hat.